Kultur

In Wien geht Natur um!

Natur, Natur, überall Natur! Wird sie im städtebaulichen Bild zunehmend von mal mehr, mal weniger gelungener Architektur verdrängt, – als Kind des einstig vor Grünflächen nur so strotzenden Transdanubien bin ich immer wieder schockiert, wo sie noch überall massive Fertigteilriesen aufziehen können – ließ man sie diesen Herbst also in die Museen einziehen. Während sich etwa das Kunsthaus Wien eher auf die immense Schönheit, die die Natur hervorbringen kann, konzentriert, taucht das mumok tiefer in die Materie ein. Die von Rainer Fuchs kuratierte Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ zeigt genau das – politische und gesellschaftliche Prozesse anhand ihrer Bezugnahme und Auswirkung auf die Natur.

Auf drei Ebenen erstreckt sich eine teils beeindruckende, teils verstörende Sammlung an Naturaufnahmen, die auf Veränderungen, öfter aber auf Abgründe der rezenteren Geschichte eingehen – mal deutlicher, mal eher subtil. Beginnt man den Rundgang, wie ich, vom eigentlichen Ende im 4. Stock aus, wird man von einem offenen, frei wirkenden Ausstellungsraum empfangen, wie man ihn mittlerweile nur noch selten sieht. Große Installationen werden umrahmt von Fotografien und Bildern an den Wänden und in dritter Dimension durch eine Kohlpflanze ergänzt, die perfekt inszeniert vor großem Fenster mit Blick Richtung Maria-Theresien-Platz positioniert ist. Aber nicht nur der Aufbau wirkt auf den Besucher, auch die einzelnen Werke ziehen einen in ihren Bann.

Anca Benera und Arnold Estefan etwa setzen sich mit Naturprozessen und Geschichtsdynamiken auseinander und zeigen künstliche Naturanlagen, die vergangene Kriegsschauplätze und Militäreinrichtungen verbergen sollen. Besonders spannend ist diese Arbeit, wenn man sich das Beispiel der Spratly Islands ansieht. Die Inselgruppe im Südchinesischen Meer ist seit Jahrhunderten im Zentrum der Streitigkeiten um die Vorherrschaft in diesem Teil der Erde, territoriale Ansprüche beinahe aller in der Gegend angesiedelten Länder dominieren die süd-ostasiatische Politik – und darüber hinaus.

Benera&Estefan, Debrisphere. Landscape as an extension of the military imagination, 2017

Um entsprechende Ansprüche zu legitimieren, griffen die Nationen immer wieder massiv in die Natur ein, etwa wenn kleine Inseln so weit aufgeschüttet wurden, dass sie einerseits genug Fläche für einen Militärstützpunkt mit Startrampe boten; andererseits ermöglichte eine solche Vergrößerung die Einstufung des Landstücks als tatsächliche Insel, wodurch das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1982 wirksam wurde, das die territoriale Seegrenze auf 12 Seemeilen festsetzte. Eine artifizielle Insel konnte, so es unbemerkt blieb, also bestehende Territorialansprüche maßgeblich unterstützen. Die subtile Verschleierung der Geschichte, die das Künstlerduo Benera/ Estefan in seiner Arbeit zeigt, hat also oft eine weitreichendere Bedeutung, als auf den ersten, vielleicht gar unreflektierten Blick zu sehen ist.

Einen anderen Ansatz für die Auseinandersetzung mit Natur verfolgt Alfredo Jaar. Der bereits erwähnte weite Raum, drei Bildschirme, 15 Spiegel und es entsteht ein Bild der Vergangenheit, das kaum deutlicher und dabei gänzlich unaufdringlich gemalt werden könnte. In Untitled (Water) setzt sich der Künstler mit der prekären Situation nach der Wiedervereinigung Vietnams 1975 auseinander, die eine der größten Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts nach sich zog. Rund 1,6 Millionen Menschen versuchten dabei, über das Meer zu fliehen und genau das greift Jaar in seiner Arbeit aus dem Jahr 1990 auf. Die Bildschirme zeigen auf der Vorderseite beinahe idyllisch wirkende maritime Szenen, während auf den Rückseiten Portraits Flüchtender zu sehen sind, die sich dem/ der Besucher_in in Reflexionen der 15 an der Wand angebrachten Spiegel präsentieren.

Alfredo Jaar, Untitled (Water), 1990
Alfredo Jaar, Untitled (Water), 1990

Weniger offen aber nicht minder bewegend präsentiert sich Stock 3. Die neonrosa hinterleuchteten Eichen-Klone von Christian Kosmas Mayer geben ein Bild, das zwischen hipper Popkultur und schwerem Erbe schwebt. Life Story of Cornelius Johnson’s Olympic Oak and Other Matters of Survival zeigt Klone einer Eichel der Eiche, die der US-amerikanische Stabhochspringer Cornelius Cooper Johnson 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin für seinen Sieg überreicht bekam. Nicht nur vom Veranstalterland wurde ihm die verdiente Anerkennung verwehrt, auch wurden sämtliche afro-amerikanischen US-Teilnehmer, so auch Johnson, nicht zur Ehrung im Weißen Haus geladen. Johnson setze die Eiche daraufhin in seinem Vorgarten in Kaliformien ein, wo sie auch heute noch steht. Der Künstler will durch die Klone einer Eichel eben dieser Eiche diese Geschichte wieder nach Europa zurückbringen und ihre Bedeutung so weiter und wiederbeleben.

Life Story of Cornelius Christian Kosmas Mayer, Johnson’s Olympic Oak and Other Matters of Survival, 2017

Der eigentlich Start der Ausstellung schließlich wirkt, zumindest wenn man ihn als letzten Raum besucht, fast ein bisschen überfüllt und bringt mich zu einem Tipp, der, wie ich finde, fast schon allein stehen könnte als Rezension der Ausstellung – am besten zwei Mal hingehen! Man wird hier zunächst von einem sympathischen Palmenmeer Marcel Broodthaers’ empfangen, das durch Fotografien, Klappstühle und einen 16-mm-Film ergänzt wird. Der belgische Künstler spielt in Un Jardin d’Hiver II auf die Paradoxe der Wintergärten und die Domestizierung exotischer Pflanzen als Resultat bürgerlicher Sehnsucht an, richtet dabei den Blick aber auch auf die Geschichte des belgischen Kolonialismus.

Schafft man es schließlich, aus der Palmenwelt zu reißen, wandert man weiter zu Mark Dions Installation – Part 2 dazu übrigens im NHM! – im Weiteren übermannt einen, oder mich, aber fast ein Bedürfnis der Flucht. Der Kopf ist zu dem Zeitpunkt so voll mit Informationen und Gedanken zu dem eben Gesehenen, dass man die ohne Zweifel ebenso spannenden Arbeiten kaum noch entsprechend wahrnehmen und genießen kann. Und trotzdem gibt es zumindest ein Werk, an dem man selbst dann nicht einfach vorbeigehen kann; einerseits weil man fast durchgehen muss, um in den nächsten Raum zu kommen, vor allem aber, weil es mit seinen unterschiedlichen Materialien, beschriebenen Tafeln und dem Käfig samt echten Papageien so sehr in seinen Bann zieht, dass man einfach mehr darüber wissen möchte.

Hélio Oiticica, Tropicália, penetráveis PN2 „Pureza é um mito“, PN3 „Imagético“, 1967

Der brasilianische Künstler Hélio Oiticica nimmt in Tropicália auf die gleichnamige Protestbewegung gegen die brasilianische Militätdiktatur in den 1960er Jahren Bezug, mit seiner begehbaren Installation will er die Grenzen von Kunst und sozialer und politischer Realität öffnen. Er spielt mit den Stoffhütten explizit auf die Straßenkultur Brasiliens mit ihren Favelas an, gleichzeitig verweist er auf die damals, wie auch heute, forcierte Situierung des Landes in der Tradition des Westens. Oiticica zeigte diese raumgreifende Installation erstmals wenige Jahre nach dem Militätputsch von 1964, die rezente Vergangenheit des Landes zeigt aber, mit welcher Aktualität sie auch heute noch betrachtet und verstanden werden kann.

Das mumok hat mit dieser Ausstellung eine beeindruckende Schau geschaffen, die einen auf mitreißende Weise durch die Geschichte der letzten 50 Jahre führt. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Natur und Geschichte hält meiner Meinung nach ein massives Potential, dem mit Recht eine solche Ausstellung gewidmet wurde!


Naturgeschichten – Spuren des Politischen läuft noch bis 14. Jänner 2018 im mumok – Museum für Moderne Kunst!

Lisa lebt für K! Kunst, Kultur, Katzen!

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